Telegraphen Radweg plus Lilienthal Fliegeberg

Optische Signale, Lilienthal und moderne Murals: Durchs Havelland auf dem Telegraphen-Radweg

Datum der Radtour: 2. Mai 2026 | Autor: Berlingo | Tour: Werder – Derwitz – Brandenburg/Havel – Kirchmöser (ca. 72 km)

Wenn man morgens um 7:00 Uhr am Bahnhof Zoo in den RE1 steigt, hat man meist ein klares Ziel. Mein Ziel an diesem Samstag: Der Telegraphen-Radweg. Eine Route, die nicht nur Kilometer fressen lässt, sondern die Geschichte der Kommunikation – vom preußischen Flügelsignal bis zum modernen Mural – erzählt.

Dass am Ende eine Schlammschlacht an der Plane und eine Kebab-Pizza in Kirchmöser stehen würden, war da noch nicht abzusehen.

Werder: Baumblüte, Ballsaal und Botschaften

Der Start in Werder (Havel) ist geprägt von Kontrasten. Während der Wasserturm hinter dem Bahnhof mit einer politischen Botschaft Hoffnung weckt, kämpft der Bahnhofsvorplatz noch mit den Hinterlassenheiten der Freitagnacht.

Doch die „Blütenstadt“ bereitet sich vor: Die Buden-Meile am Hohen Weg steht bereit, die Zeit der Blüte hätte für diesen Trip nicht besser sein können.

Ein echtes Highlight vor dem eigentlichen „Kilometerfressen“: Die Bismarckhöhe. Durch die Hinterhöfe erhasche ich Blicke in den prachtvollen Ballsaal – ein Ort, der nach „Bespielung“ schreit.

Oben angekommen, belohnt der Garten mit einem weiten Blick über die Havel, während unten der Rummelplatz noch im Tiefschlaf liegt.


Kommunikation & Flugpioniere: Fuchsberg und Derwitz

Auf dem Fuchsberg erreiche ich die Telegraphen-Station No. 5. Es ist faszinierend: Hier startete 1832 die optische Datenübertragung Richtung Koblenz. Meine DJI Neo 2 absolviert hier passend dazu eine „Rocket“-Aufnahme – moderne Telemetrie trifft auf preußische Mechanik.

Ein kurzer Schwenk führt mich nach Derwitz. Hier verbindet sich Technikgeschichte mit dem Traum vom Fliegen. Im ehemaligen Feuerwehrhäuschen und am Gedenkstein wird Otto Lilienthal geehrt. Am Spitzberg stehe ich an der Stelle, wo 1891 alles begann. Der steile Abhang in das romantische Tal wirkt heute bewaldet, doch man spürt förmlich den Aufwind, den Lilienthal hier für seine ersten Gleitflüge nutzte.

Tipp: Für die 360-Grad-Perspektive habe ich am Denkmal die Insta360 X5 eingesetzt – der Rundumblick fängt die Weite des Havellands perfekt ein.


Architektur-Perlen in Schenkenberg

Hinter Groß Kreutz wird es naturnah. In Schenkenberg wartet nicht nur die Telegraphen-Station No. 6, sondern auch eine architektonische Entdeckung: Die ehemalige Grundschule (1930). Dieses Haus ist ein Musterbeispiel der Reformarchitektur. Besonders auffällig: Der „Putto“ an der Fassade – ein Kind, das eine Schale balanciert. Es symbolisiert den optimistischen Geist der Zwischenkriegszeit, als Bildung und Licht (daher die großen Fenster) die Leitsterne der Stadtentwicklung waren.


Brandenburg an der Havel: Waldmöpse und „saubere“ Kunst

In der Stadt Brandenburg angekommen, führt kein Weg an der Jahrtausendbrücke vorbei. Der Blick auf das Heinrich-Heine-Ufer und das illuminierte Kunstschiff „Salon Walter“ (nur noch bis zum 3. Mai!) zeigt die lebendige Seite der Stadt. Und natürlich: Die Waldmöpse. Loriots Erbe begegnet einem hier auf Schritt und Tritt.

Doch mein eigentliches Ziel in der Stadt ist der Marienberg.

  • Station No. 7: Hier stehen die Zeigerelemente des optischen Telegrafen wie eingefroren über dem Weinberg.

  • Gedenkkultur: Die Stelen mit ihrer markanten Symbolik erinnern an die hingerichteten Widerstandskämpfer – ein Ort des Innehaltens inmitten der Tour.

Auf dem Weg nach Brandenburg Nord dann der optische „Knaller“: Das Mural in der Willi-Sänger-Straße. Es ist beeindruckend, wie sauber diese Auftragsarbeit der wobra seit 2021 geblieben ist. Der „Respekt-Kodex“ der Street-Art scheint hier in Brandenburg besser zu funktionieren als in Berlin – vielleicht, weil die Qualität der Arbeit (u.a. von Art-Efx) so hoch ist, dass niemand es wagt, sie zu „crossen“.


Extratipp: Analoges Kartenmaterial „to go“

Was nicht jeder weiß
Historische Telegraphenlinie zwischen Berlin und Koblenz
Telegraphen Flyer

Wer die Tour nachfahren möchte, sollte an der Kasse der Friedenswarte auf dem Marienberg (Brandenburg Stadt) haltmachen. Dort gibt es zurzeit kostenlos sehr hochwertiges Informationsmaterial:

  • Die große Übersichtskarte: Enorm hilfreich, um die Sichtachsen zwischen den Stationen (wie von No. 7 auf dem Marienberg zur No. 8 in Schenkenberg) besser zu verstehen.

  • Der 8-seitige Flyer: Er erklärt anschaulich die „Geheimschrift mit 6 Flügeln“. Wusstet ihr, dass damit über 4.000 verschiedene Zeichen codiert werden konnten? Eine Depesche von Berlin nach Köln brauchte so unter günstigen Bedingungen nur etwa 90 Minuten – das „Highspeed-Internet“ des 19. Jahrhunderts.

  • Der Telegraphen-Pass: Für Sammler gibt es an den Stationen oft historische Stempel – ein schöner Anreiz, die gesamte Strecke von Berlin bis Koblenz (immerhin 62 Stationen) Stück für Stück zu erkunden.


Das Sumpfloch: Turbomodus gegen die Plane

Nach so viel Kultur kam die Natur – und zwar gewaltig. Der Uferweg entlang der Plane war durch das hohe Wasser der Niederhavel in ein echtes Sumpfloch verwandelt.

  • Die Entscheidung: Umkehren? Keine Option. Ziel Brück/Kirchmöser fest im Blick.

  • Die Taktik: Zweiter Gang, Turbomodus am eMTB und mit Schwung durch den Matsch.

  • Das Ergebnis: Ich kam durch, aber mein Rad sah aus, als hätte es eine Schlammkur hinter sich. Die nächsten 30 Minuten verbrachte ich damit, den Dreck mit meiner Trinkflasche abzuspülen. Ein klassischer „Outdoor-Moment“, der in keinem Reiseführer steht.


Finale in Kirchmöser: Industrie-Romantik und Kebab

Über die Malge und den Breitlingsee – wo die Radwege zum Glück wieder „super“ waren – erreichte ich Kirchmöser. An der Telegraphenstation No. 8 auf dem Windmühlenberg schließt sich der Kreis der Kommunikationstechnik. Der Blick ins Tal auf Kirchmöser ist bei tiefstehender Sonne unschlagbar.

Kirchmöser selbst wirkt wie im Dornröschenschlaf:

  • Das Hauptverwaltungsgebäude und das Klubhaus sind verrammelt – „Lost Places“ mit enormem Potenzial.

  • Der Bahnhof Kirchmöser wirkt mit seinen versiegelten Türen fast traurig, ein Denkmal der Mobilitätsgeschichte, das auf bessere Zeiten wartet.

Der versöhnliche Abschluss: Eine fette Kebab-Pizza bei Sinans Grillhaus. 12 Euro, die nach 72 Kilometern und einer Schlammschlacht absolut jede Investition wert waren.

Fazit: Der Telegraphen-Radweg ist eine Reise für Entdecker. Man braucht Zeit für die POIs, ein Auge für die Architektur und – dieses Jahr besonders – genug Wasser in der Trinkflasche (nicht nur zum Trinken, sondern auch zum Putzen!).


Infobox für Nachfahrer:


Telegraphen Radweg plus Lilienthal Fliegeberg
Telegraphen Radweg plus Lilienthal Fliegeberg – Klick für eine Großansicht

Collage oben: Optische Telegraphenstationen 5 bis 8 plus Lilienthal Denkmal

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