Ein Radtouren-Bericht von Berlingo
Wer glaubt, das Oderbruch sei flach und vorhersehbar, hat die Rechnung ohne die polnische Seite gemacht. Meine jüngste Tour am 18. April 2026 von Schwedt nach Wriezen war ein Parforceritt durch die Zeit, die Architektur und – sprichwörtlich – durch das Unterholz.
Start mit Verspätung: Schwedt im Zeitraffer
Dass sich bei der Bahn bis 2026 nichts geändert hat, bewies der spontane Ausfall des RE3, was mir eine Stunde „Zwangsurlaub“ am Potsdamer Platz bescherte. Als ich schließlich den „Hauptbahnhof“ Schwedt erreichte – der eher das charmante Ende einer Sackgasse ist – blieb mir für die geplanten POIs nur ein Zeitraffer-Modus.
Schwedt ist ein architektonisches Chamäleon. Da steht der Berlischky-Pavillon, ein Rokoko-Juwel, das den Krieg überstanden hat. Nur wenige Meter weiter dominieren das Centrum-Kaufhaus (CKS) und modernisierte Plattenbauten das Stadtbild. Besonders faszinierend: Das Wandbild am Vierradener Platz, das eine historische Gasse täuschend echt auferstehen lässt, und der Tabakbrunnen, der die einstige Bedeutung des Schwedter Tabakanbaus feiert.
Eine echte Entdeckung war der Barockgarten neben den Uckermärkischen Bühnen. Dort erinnert ein Bronzemodell an das verschwundene Markgräfliche Schloss. Die schnurgerade Lindenallee bildete einst die prachtvolle Achse zwischen diesem Schloss und dem Lustgarten Monplaisir, der heute noch als grüner Schatz im Hintergrund der PCK-Raffinerie glänzt.
Polnisches Survival-Training: Offroad im Tal der Liebe
Nach der Querung der Oderbrücke bei Schwedt änderte sich die Gangart. Über Krajnik Dolny führte der Weg in das Tal der Liebe (Dolina Miłości). Wo die Uferstraße endete, begann das eigentliche Abenteuer.
Der Trail wurde zum Härtetest: steil, zugewachsen und für „Bio-Biker“ (Radler ohne Motor) schlichtweg unpassierbar. Der Höhepunkt: Der Weg verschwand sprichwörtlich unter einem frisch umgepflügten Acker. Zum Glück war der Boden knochentrocken, sodass die 100 Meter „Feldstudie“ im Schiebemodus eher ein kurioses Hindernis als ein Tour-Stopper waren.
Technik-Check: eMTB & Die „Boden-Drohne“
Mein eMTB musste in der bergigen Pampa ordentlich arbeiten. Normalerweise komme ich mit einer Akkuladung im ECO-Modus 120 bis 130 km weit. Die giftigen Anstiege und der weiche Untergrund fraßen die Energie jedoch schneller: Nach 69 Kilometern standen noch 29 Kilometer Restreichweite auf dem Display.
An der imposanten Europabrücke Neurüdnitz–Siekierki war reger Betrieb. Um niemanden mit dem Surren meiner Drohne zu stören, griff ich zum „Berlingo-Hack“: Die Insta360 am 3-Meter-Selfiestick. Damit emulierte ich beim Überfahren der Brücke eine Drohnen-Perspektive und fing die beeindruckende Stahlkonstruktion ein, ohne die anderen Ausflügler zu tangieren.
Finale im Oderbruch: Stille in Zollbrücke
Nach rüttelnden Abfahrten auf Kopfstein- und Sandwegen durch den Naturpark erreichte ich das Oderbruch. In Zollbrücke herrschte am frühen Samstagabend fast schon melancholische Ruhe. Das berühmte Theater am Rand lag still am Deich, während an der Deichscharte die Dokumentation vergangener Hochwasser zur Demut mahnte.
Durch die historischen Oderbruch-Dörfer Alt Wustrow und Altwriezen rollte ich schließlich zum Ziel am Bahnhof Wriezen, wo der RB60 der NEB bereits zur Abfahrt bereitstand.
Fazit: Eine Tour der Kontraste. Wer Schwedt besucht, sollte Zeit für die barocken Achsen mitbringen. Wer nach Polen übersetzt, braucht ein eMTB mit groben Reifen und genug Saft im Akku. Wir sehen uns auf dem nächsten Track!
Das große Fotoalbum mit großen Fotos liegt hier in der Cloud:
Photos.app.goo.gl/mN9eHAW8YxdF4B2p7
Bei Komoot hatte ich geplant – muss in Zukunft wohl mal genauer hingucken, wo entlang die Routen routen: https://www.komoot.com/de-de/tour/2878340893
Und den Track als „Gemacht“ wie immer mit dem zuverlässigen Runnings aufgezeichnet und von dort in Komoot importiert. Allein wegen der Bilder der Community. Tracking mit Komoot ist immer noch ein Graus, die Navigation erst recht.
Track: https://www.komoot.com/de-de/tour/2894720719
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