Berlin ist eine Stadt der Kontraste, aber kaum eine Route macht das so deutlich wie der Weg vom Tegeler Hafen durch das Tegeler Fließ bis zum Märkischen Viertel. Ende März 2026 haben wir uns auf die 17 Kilometer lange Route gemacht. Unser Fazit: Wer nur auf die offiziellen Schilder schaut, verpasst das Beste.
Start in Tegel: Postmoderne trifft Hafen-Tristesse
Unsere Wanderung begann am Buddeplatz 1. Ein hübsch restaurierter Wohnpalast gegenüber dem S-Bahnhof Tegel setzt direkt ein architektonisches Ausrufezeichen.
Am Tegeler Hafen angekommen, zeigt sich ein anderes Bild: Algen und Schmutz trüben das „Stille Wasser“, in dem man bei genauem Hinsehen das Kunstwerk „Walfisch“ entdecken kann.
Und überhaupt, dieser Hafen ist kein echter Hafen. Es war mal ein Plan, dass er es wird – der aufgegebene Anleger der Ausflugsschiffe ist noch ein historischer Zeuge.
Die IBA-Stadtvilla von Stanley Tigerman ist aber einen genaueren Blick wert. Mit ihren „Gesichts-Fenstern“ ist sie ein Paradebeispiel der Postmoderne.
Über den Humboldtsteg und die Wilhelmsteg-Brücke geht es über die „Tegeler Insel“ und vorbei an der Humboldt-Insel – „Schöner Wohnen“ mit Auto-Anschluss direkt am Wasser.
Das Phantom vom Fließ: Wo sind die Büffel?
Hinter der Humboldt-Mühle tauchen wir ins Naturschutzgebiet ein.

Die erste Frage, die sich jedem Wanderer hier stellt: Wo sind denn nun die urigen Wasserbüffel mit denen jedes Aushängeschild prahlt?
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Meistens sieht man sie nämlich nicht.
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Die Tiere sind als Landschaftspfleger im Einsatz, um die Ur-Landschaft des Niedermoors frei zu halten.
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Da die Weideflächen riesig sind, ziehen sie sich oft tief in die Sumpfbereiche zurück.
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Wer kein Glück hat, trifft stattdessen auf Enten und Schwäne an ihrem „Bettelstrand“ – hier wird sicher oft ungesetzlich gefüttert, die Tiere warten förmlich darauf.
Das Schilder-Rätsel am Vierrutenberg
Am Eingang zum Holzstegweg stießen wir auf ein massives Warnschild: „Wegsperrung zwischen Eichwerder Steg und Dorf Lübars“. Die offizielle Umleitung führt kilometerweit durch Wohngebiete. Wir haben das Schild ignoriert, um uns ein eigenes Bild zu machen.

Der Stand Ende März 2026: Bis auf eine größere Pfütze am Springbruchgraben ist der Weg begehbar. Mit wasserdichten Goretex-Wanderstiefeln und einer improvisierten Behelfsbrücke aus Holzlatten war die Passage kein Problem.
Berlingo-Tipp
Videoclip: „Statt Überschwemmung – Die Lübarser Pfütze“ – Packt die Goretex-Stiefel ein und vertraut eurem Instinkt mehr als den Sperrschildern! Und lasst Euch von den zahllosen lustigen Flutbildern bei Komoot nicht beirren. www.Komoot.com/de-de/tour/2847016297
Aber auch das …
… bei einem kleinen Rückblick: Schnappschuss aus dem März 2023:

So kann es dort also auch aussehen … ohne Gummistiefel und Fahrrad unterwegs – einfach die Schuhe aus, das geht auch.
Die wahren Schuldigen: Überambitionierte Biber?

Warum steht der Weg eigentlich öfter unter Wasser? Ein Blick auf die „urwaldmäßig wüste“ Landschaft gibt den Hinweis: Die Biber hier sind offensichtlich extrem übermotiviert!.
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Wir haben Bäume gesehen, die regelrecht fachmännisch gefällt wurden. Andere sind bereits rundum abgenagt, wie diese riesige „arme“ alte Weide.
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Diese Baumeister ohne Baugenehmigung verändern die Hydrologie des Fließes so stark, dass das Wasser an einigen Stellen einfach nicht mehr abfließt.
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Wer kümmert sich darum? Grundsätzlich wird die Natur sich selbst überlassen; nur wenn Wege komplett blockiert sind, wird „notfalls frei geschnitten“.
Lübars: Dorfidylle und Gipfelglück
In Alt-Lübars angekommen, empfängt einen märkische Gelassenheit. Der Alte Dorfkrug steht als traditioneller Gasthof prächtig da, inklusive eines riesigen Saals für Veranstaltungen. Ein kurioses Detail am Rande: Eine historische Fernsprechzelle dient heute als Buchtausch-Treff.
Im Zentrum: Der Alte Dorfkrug Lübars – Ein Ankerpunkt märkischer Geschichte

Mitten im einzigen erhaltenen Dorf West-Berlins steht ein Haus, das mehr ist als nur eine Gaststätte: Der Alte Dorfkrug Lübars. Während man draußen auf der historischen Dorfstraße die Herausforderungen der Moderne spürt, scheint drinnen die Zeit stillzustehen.
Die gestörte Idylle: Der Schleichweg durchs Dorf
Wer das Dorf Alt-Lübars betritt, erwartet absolute Stille. Doch der Wirt des Dorfkruges bestätigte uns im Gespräch einen traurigen Trend: Die eigentlich beschauliche, gepflasterte Dorfstraße ist längst Teil eines beliebten Schleichweges für den Feierabendverkehr geworden.
Statt Hufgeklapper dominiert zu Stoßzeiten das Abrollgeräusch von Autoreifen auf dem Kopfsteinpflaster – ein klassisches Beispiel für die verkehrsplanerischen Herausforderungen am Stadtrand Berlins.

Wanderer-Belohnung: Wer die Pfützen und Biber-Baustellen des Fließtals hinter sich gelassen hat, sollte im Dorfkrug nicht nur die Geschichte bewundern. Ein Blick auf die Biertheke offenbart die hausgemachten Schätze des Hauses. Nicht im Bild: die professionelle, italienische Kaffeemaschine. Unser Testurteil: Absolut empfehlenswert und der ideale Treibstoff für den anschließenden Aufstieg zur Lübarser Höhe!
Warum sich ein Besuch im Dorfkrug also lohnt:
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Historisches Ambiente: In der Gaststube ehrt eine große, alte Fotografie die ehemaligen Besitzer und atmet die Geschichte vergangener Generationen.
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Der Festsaal: Ein echtes Highlight ist der reich geschmückte große Saal, der heute für verschiedenste Veranstaltungen genutzt wird – von der Familienfeier bis zum Kulturevent.
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Der Rückzugsort: Hinter dem Haus befindet sich ein großer, ruhiger Biergarten – der perfekte Ort, um den Lärm der Durchgangsstraße zu vergessen und echte märkische Gastfreundschaft zu genießen.
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Tradition: Dass dieser alte Gasthof als traditionelles Haus erhalten bleibt, ist in der heutigen Berliner Gastrolandschaft keine Selbstverständlichkeit und verdient jede Unterstützung.
Dann der Aufstieg zur Lübarser Höhe. Auf 68 Metern über NN bietet die Gleitschirm-Übungswiese den perfekten Kontrast-Blick: Im Rücken das grüne Fließtal, vor uns die massive Kulisse des Märkischen Viertels.
Vom Kopfsteinpflaster in Lübars führt der Weg also über die Lübarser Höhe fast nahtlos in eine Welt, die auf den ersten Blick wie das Gegenteil wirkt, sich aber als ebenso grün entpuppt: das Märkische Viertel (MV).
Es ist ein faszinierendes Paradoxon – eine idyllische Hochhausgroßsiedlung. Wo man Betonwüsten erwartet, findet man heute modernisierte Fassaden und weite Parklandschaften wie am Seggeluchbecken, die den massiven Bauten die Härte nehmen.
Dass wir die berühmten Holz-Dachaufbauten trotz Suche heute nicht entdeckt haben, ist kein Beinbruch – es ist vielmehr ein Grund, für eine vertiefende Recherche zur „Entwicklungsstadt“ noch einmal wiederzukommen. Das MV von 2026 hat wenig mit den alten Klischees zu tun; es ist sauber, gepflegt und zeigt, dass großstädtisches Wohnen und Natur kein Widerspruch sein müssen.
Finale im Märkischen Viertel: Sauberer Imagewandel

Der Weg durch das Märkische Viertel (MV) überrascht. Die Siedlung aus den 60er/70er Jahren wurde seit 2008 energetisch modernisiert. Keine Dreckecke, keine wilden Graffitis – das MV hat seinen alten Ruf als sozialer Brennpunkt schon lange abgelegt.
Enttäuscht hat uns am Ende nur der Imbiss „Die Zelle“ gegenüber des Märkischen Zentrums, der heute einfach geschlossen und beiseite geparkt wurde. Diesen POIs hatten wir uns anders vorgestellt, also keine Currywurst aus der Zelle. Und so endete unsere Tour um 18:40 Uhr und dem Xpress-Bus zum S-Bhf. Wittenau.
Damals: Lübars und die Mauer –
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| Spannender Kontext: Lübars war während der Teilung Berlins das einzige Dorf im Westen der Stadt, das noch vollwertige Landwirtschaft betrieb. Umgeben von der DDR-Grenze (nahe dem Tegeler Fließ), war es ein „Schaufenster des Westens“ ins Grüne. Heute sind wohl Pferde die lebendigsten Dorfbewohner. |
Und hier der Gesamt-Track unserer Route

Und diese Strecke kannst du auch mit Komoot machen, zahllose Community Bilder ergänzen die Route

Rückblick – eine ähnliche Tour unternahmen wir im März 2017, also vor neun Jahren. Das Fotoalbum mit einer Track-Map hier.

Und im September 2021 war Clara Himmel dort solo unterwegs und berichtet: „Das Tegeler Fließ und Kunst in Pankow“
Kleiner Link-Service
Das Tegeler Fließtal
Berlin.NABU.de/stadt-und-natur/naturschutz-berlin
de.Wikipedia.org/wiki/Tegeler_Fließ
Gasthof Alter Dorfkrug Lübars
www.Gasthof-Alter-Dorfkrug.de
Freizeit- und Erholungspark Lübars
Reinickendorf-Berlin.de/freizeit-und-erholungspark-luebars
Das Märkische Viertel bei Wikipedia
de.Wikipedia.org/wiki/Berlin-Märkisches_Viertel
Das Tegeler Fließtal ist sehr viel länger und reicht bis weit in den Osten. Nur 10 von insgesamt 30 km befinden sich im Berliner Stadtgebiet. Mehr dazu auch hier im Blog: „Stichwort Tegeler Fließ“

