Von Berlingo
Am 29. Juni 2026 war es endlich so weit: Nach Jahrzehnten der Bergbausanierung wurde der schiffbare Seenverbund im Lausitzer Seenland offiziell eröffnet.
Fünf monumentale Tagebauseen – der Großräschener, Sedlitzer, Partwitzer, Geierswalder und Senftenberger See – sind nun über ein System aus Kanälen und Schleusen miteinander verbunden. Ein historischer Stichtag für die Region, an dem sich die Politik feierte und über 4.400 Mitschwimmer bei der 5-Seen-Challenge ins Wasser sprangen.

Da das Wetter am Eröffnungstag lautstark mit Unwetterwarnungen und Blitzschlag drohte, habe ich die geplante Kacheljagd kurzerhand um zwei Tage verschoben.
Am 2. Juli hieß es dann: Kette ölen, GPS-Track laden und ab ins frisch getaufte Binnensee-Archipel.
Die Radwege präsentierten sich durchweg in erstklassigem Zustand – doch abseits des glatten Asphalts offenbarte sich auf den gut 75 Kilometern eine faszinierende, teils tief ungleiche touristische Entwicklungslandschaft.

Die Nordschleife: Kulturbrüche im märkischen Sand
Bevor es an die Uferradwege geht, verlangt das Entdecker-Herz nach Kontrasten. Die Route führt uns zuerst nach Nordosten, hinein in das Umland des Tagebaus Welzow-Süd.
Hier, wo die Landschaft schon weitgehend renaturiert und begrünt ist, trifft man auf skurrile und faszinierende Zeugnisse des ländlichen Raums. In Lubochow stolpert man über eine metallische Kunstausstellung vor einem Hof, während Neupetershain-Nord mit ganz eigenen Attraktionen aufwartet.

Neben der markanten Kirche von Petershain mit ihrer frisch glänzenden Turmkuppel steht die Rettung für hungrige Radler: ein moderner Pizza-Backautomat samt kühlen Getränken und einer schattigen Sitzgruppe. Ein Segen im Outback, da der lokale Imbiss lediglich zwei Stunden am Morgen geöffnet hat.

Über den Teufelsstein an der Tagebaurandstraße führt der 8%-Weg hinauf zum ersten architektonischen Highlight: der Steinitzer Treppe bei Drebkau.
Optisch spiegelt der 117 Tonnen schwere Stahlgigant perfekt die Identität der Region wider – er erinnert bewusst an den Ausleger einer gigantischen Braunkohle-Förderbrücke. 101 Stufen führen hinauf auf eine Aussichtsplattform in 171 Metern über Normalnull.
- Von oben bietet sich ein atemberaubender Panoramablick über das rekultivierte Areal.
- In der Ferne lassen sich mit dem Teleobjektiv die Lausitzer Kraftwerke und viele andere POIs ausmachen .
- Am Fuße der Treppe pulsiert der Bergbautourismus – manchmal: Geländegängige Besucher-Trucks laden Schulklassen und Exkursionsgruppen ein, um in die sonst streng gesperrten Bereiche des aktiven Resttagebaus vorzudringen. Siehe mehr: Excurioso in Welzow.

Nachdem sich die Schulklasse wieder in ihren Truck begeben hat, gehört die Treppe uns – die Abfahrt über den Rodelberg nach Steinitz, vorbei an der alten Dorfkirche und naturgedämmten Wohnhäusern, ist pures MTB-Vergnügen.
Die Ernüchterung im Outback: Das zähe Ringen der Dörrwalder Mühle
Auf der Suche nach einem gemütlichen Mühlencafé steuern wir den Rand des Ortes Dörrwalde an. Die Google-Maps-Einträge versprechen ein idyllisches Ausflugsziel – die Realität vor Ort holt uns jedoch schnell ein.

Die historische Holländerwindmühle von 1845 steht zwar stolz in der Landschaft, leidet aber massiv unter ihrer infrastrukturellen Lage. Sie befindet sich abseits der offiziellen Radwege versteckt in einer Sackgasse.
Die klassische Gastronomie und das Restaurant sind hier seit nunmehr drei Jahren komplett geschlossen; ein Café existiert nicht mehr.
Der Eigentümer, die Resort Lausitzer Seenland GmbH, versucht sich notgedrungen an einem neuen Nutzungskonzept. Ein riesiges, modernes Eventzelt dominiert den Garten und soll an den Wochenenden kulturbegeisterte Besucher zu Live-Konzerten und Hochzeiten locken.
Wir dürfen uns immerhin kurz auf die Deko-Stühle am Teich setzen und die Geschichtstafel studieren, die von den dramatischen Jahren des Verfalls und Wiederaufbaus zeugt.
Ein lehrreiches Beispiel dafür, dass nicht jedes historische Juwel im Seenland automatisch vom großen Tourismusstrom mitgerissen wird.
Fünf Seen, fünf Welten: Das maritime Mosaik der Ungleichheit
Was bei der anschließenden Umrundung der eigentlichen Seenplatte sofort ins Auge springt, ist die extrem unterschiedliche touristische Reife der einzelnen Gewässer. Obwohl sie nun geografisch und hydrologisch eine Einheit bilden, trennen sie in ihrer Entwicklung Welten.
1. Großräschener See: Das architektonische Prestigeobjekt
Großräschen hat jahrelang ein trockenes Hafenbecken verwaltet, doch mit der Freigabe des Ilse-Kanals ist der See nun voll angeschlossen.

Aber wir sparen uns heute den Abstecher zur Seebrücke und dem Hafen, da wir die spektakulären IBA-Terrassen und den dortigen Steillage-Weinberg bereits gut kennen – für Erstbesucher ist dieses Ensemble jedoch ein absolutes Must-See.
Die Anbindung an den Sedlitzer See ist ein ingenieurtechnisches Kunstwerk: Der Ilse-Kanal unterquert in einer aufwändigen unterirdischen Tunnelkonstruktion sowohl die Bahntrasse als auch die Landstraße, bevor er in ein langes, offenes Kanalbett übergeht.

2. Sedlitzer See: Der erwachende Riese
Der Sedlitzer See ist flächenmäßig der größte der Kette, hinkt in der touristischen Feinstruktur aber noch hinterher. Der Aussichtspunkt in Lieske bietet einen tollen Blick hinab auf den frisch vorbereiteten Sandstrand.
Gewerbegebiet oder doch Ferienanlage?
Im Bereich des Nordufers des Sedlitzer Sees, zwischen der Pumpstation Bahnsdorf und dem Seestrand Lieske, errichtete die Stadt Senftenberg ein Gewerbegebiet. Hier sollen hauptsächlich wasseraffine Unternehmen und Dienstleister angesiedelt werden.
Dazu zählen etwa Bootsbauer und -werkstätten. Insgesamt stehen auf etwa 30 ha Land 28 Gewerbegrundstücke zur Verfügung.
Ergänzend werden von der LMBV eine Einlassstelle für Wasserflugzeuge für den Wasserlandeplatz Sedlitzer See sowie eine Slipanlage für Motorboote eingerichtet.
Man spürt: Hier wird für die Zukunft gebaut. Am Nordufer existieren bereits zwei gigantische Parkplatzflächen, Google Earth zeigt dort mögliche Strandabschnitte an einem möglichen Campingplatz. Eine eigene Haltestelle für die regionale Kleinbahn „Seeschlange“ am Ort wird bereits bedient.
Hier wird der Strukturwandel greifbar, aber auch seine schmerzhafte Geschichte. Drei blaue Infotafeln des Tourismusverbandes beleuchten die Historie des 1474 erwähnten Ortes Lieske und der neuen Kanäle (Rosendorfer und Sornoer Kanal).

Die mittlere Gedenktafel gemahnt jedoch an die verlorene Heimat: Sie erinnert an die sorbischen Dörfer Sorno und Rosendorf, die in den 1970er-Jahren für den Tagebau Sedlitz komplett abgebaggert wurden.
Kritische Stimmen gibt es natürlich im Netz: So wird vor lauernden „Investoren-Geiern“ und vor der Versiegelung der Natur gewarnt. Letztendlich Warnung vor einem „Massentourismus“, der bspw.geschützte Biotope wie die Sorno-Rosendorfer-Buchten beschäftigen könnte.
3. Partwitzer See: Das Eldorado für Aktive
Nur wenige Kilometer weiter westlich zeigt sich der Partwitzer See von zwei Seiten. Eine lebhafte Baustelle für Ferienhäuser neben dem kleine Hafen auf der Nordwestseite der Halbinsel Scado.
Und auf der anderen Seite dominiert offensichtlich der Aktivurlaub.
Ein großer, intensiv genutzter Badestrand, eingebettete Grünstreifen, moderne Ferienhäuschen und eine gut frequentierte Surfstation, ein Segelclub und ein sehr großer Reiterhof mit einer Trattoria prägen das Bild. Hier herrscht ein ungezwungener, sportlicher Vibe – weniger steril als Großräschen, dynamischer als Sedlitz.
4. Geierswalder See: Die exklusive Premium-Oase
Der Geierswalder See verfügt über eine der am längsten etablierten touristischen Infrastrukturen der Region. Am Ufer weht dank einer (zugegeben solitären, mobilen) Palme und einer hervorragenden Beachbar echtes Urlaubsflair. Unterhalb des weithin sichtbaren Leuchtturm-Hotels erstreckt sich der große Sportboothafen.

Ein unumstrittenes Highlight neben den goldene Stränden sind auch die schwimmenden Ferienhäuser, die wie futuristische Segel auf dem Wasser thronen. Ausgestattet mit Solarsammlern und eigenen Bootsstegen verkörpert das „Open-Water-Resort-Lausitz“ ein absolutes Luxussegment des Seenlandes.
Wirtschaftlich bleibt diese Nische spannend: Während die Nachfrage in der Hauptsaison (auch durch finanzstarke Gäste aus Tschechien und Berlin) boomt, müssen diese wartungsintensiven Objekte die harten, umsatzlosen Wintermonate erst einmal einspielen. Die kommenden fünf Jahre werden zeigen, wer an den Uferpromenaden den längsten Atem beweist.

Ein aktueller rbb24-Bericht nennt konkrete wirtschaftliche Zielgrößen der Touristiker: Die Fakten: Aktuell verzeichnet die Region rund 800.000 Übernachtungen pro Jahr. Die Hoteliers und Gastronomen peilen durch die Freigabe des Verbundes perspektivisch eine Verdopplung auf 1,6 Millionen Übernachtungen an!
5. Senftenberger See: Der ehrwürdige Urvater
Am Koschener Kanal entlang mit seiner Schleuse gelangt man schließlich zum Senftenberger See. Er ist das historische Herzstück des gesamten Verbundes – bereits ab 1967 geflutet und in den 1970er-Jahren zu DDR-Zeiten eröffnet.

Dementsprechend ausgereift und professionell ist die Infrastruktur. Am Event-Strand bei Koschen zeigt sich die volle Kapazität: Ein eigener Schiffsanleger und die markante „Seesporthalle“ unter einem gewaltigen Zeltdach sind für Massenveranstaltungen ausgelegt.
Im Aquapark finden Familien Bewegungsmöglichkeiten.
Google Earth weist gleich sieben Strände aus, vielfältige Gastronomie, Ferienhäuser, Campingplätze mit Schatten – alles da.
Gegenüber brilliert Senftenberg mit seinen grünen Stränden, die im Lauf der Jahre mit schattigen Bäumen aufwarten können. Der ausgewiesene FKK Bereich hat zur Promenade hin eine riesige Hecke als Sichtschutz bekommen.
Im großen Hafen ist die Seebrücke einen kleinen Besuch wert. Und in der Stadt das Schloss im nahen Stadtpark sowieso.
Die „Wilde Ilse“ legt leider bisher hier nicht an.
6. Schifffahrt mit der „Wilde Ilse“ – der historischer Solist im neuen Revier
Aber wer den Großräschener See heute maritim erkunden will, stößt unweigerlich auf ein ganz besonderes Unikat: die „Wilde Ilse“. Das kleine, schmucke Fahrgastschiff ist ein echter Oldtimer mit Baujahr 1938 und aktuell das einzige Ausflugsschiff, das hier regulär seine Runden dreht. Ihr Name ist dabei kein Zufall, sondern eine tiefe Verbeugung vor der Geschichte: Er erinnert an den ehemaligen Tagebau Ilse, aus dem der heutige See durch die Flutung überhaupt erst entstanden ist.
Mit Platz für bis zu 30 Passagiere schippert der geschichtsträchtige Solist normalerweise gemütlich zwischen den markanten IBA-Terrassen, den schwimmenden Häusern und dem dortigen Weinberg hin und her.
Am historischen Tag des Durchstichs blieb die „Ilse“ allerdings sicher im Hafen vertäut – und das aus gutem Grund. Bei dem gigantischen Trubel, den Hunderten Booten und den Tausenden Mitschwimmern im Wasser wäre eine reguläre Ausflugsfahrt schlicht unmöglich gewesen.
Im Live-Stream vom Bürgerfernsehen seenluft24 (Aufzeichnung hier anschauen) konnte man stattdessen den Fanfarenzug Großräschen beobachten, der direkt daneben barfuß im Strandsand aufspielte, während das Schiff im Hintergrund als stolze Kulisse im Hafen lag.
Für die Zukunft des Seenlandes ist die „Wilde Ilse“ jedoch der perfekte Vorbote. Ab jetzt hat sie theoretisch freie Fahrt durch den neuen Ilse-Kanal hinüber zum Sedlitzer See. Sie steht symbolisch für den charmanten Kontrast der Region: Ein Schiff aus der Blütezeit der Kohleindustrie fährt heute als Pionier in die Ära des vernetzten Wassertourismus.
Das e-MTB-Fazit: Zwischen Reichweiten-Mathematik und Entdeckerglück
Die Tour endet am Bahnhof Senftenberg, dessen Bahnsteige zwar modernisiert wurden, dessen Empfangsgebäude sich aber in einem sehr „erhaltenen“, sprich sanierungsbedürftigen Zustand befindet. Von hier aus geht es mit dem Regio RE7 entspannt zurück nach Berlin.

Zum Abschluss der obligatorische Blick auf die Daten des Radcomputers: Die gefahrenen Kilometer plus die angezeigte Restreichweite ergeben in der Summe wieder die mathematisch verlässliche maximale Reichweite meines Setups.
Seit dem Kauf des e-MTB liefert der bewährte 500-Wh-Akku im flachen oder sanft welligen Gelände der Lausitz konstant rund 130 Kilometer Aktionsradius. Ein Wert, der in echten Hochgebirgen natürlich utopisch wäre, für das kilometerfressende Kacheln im Seenland aber die perfekte Basis bietet.
Das finale Urteil

Die Verbindung der fünf Seen ist ein historischer Meilenstein. Für uns Radfahrer und Entdecker bedeutet das gigantische, neue Kombinationsmöglichkeiten ohne künstliche Sackgassen.
Doch wer die Augen offen hält, sieht genau, wo der Tourismus bereits boomt (Geierswalder & Senftenberger See) und wo die Region noch Zeit braucht, um ihre Wunden zu heilen und ihre neue Identität voll zu entfalten. Genau diese Gleichzeitigkeit des Ungleichen macht das Seenland zum spannendsten Revier direkt vor unserer Haustür.
Detlev Wurzler nimmt im unten verlinkten rbb24-Text etwas Wind aus den Segeln des sofortigen Massentourismus und betont die Langfristigkeit:
Zitat: „Alles weitere, was insbesondere Wassertourismus anbelangt, aber auch Radtourismus, das wird viele Jahre noch dauern und stetig wachsen.“ Er betont explizit, dass die Kette eben auch für die einheimische Bevölkerung da ist, nicht nur für Urlauber.

Quellen und Links:
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- Eine touristische Hauptquelle ist die Plattform
www.LausitzerSeenland.de - Schifffahrt mit der „Wilden Ilse oder Rundfahrt mit der „Seeschlange“
- Besucherzentrum in Welzow
„excursio“ www.Bergbautourismus.de
- Eine touristische Hauptquelle ist die Plattform
- Hier im Blog: UPDATE Routenvorschlag – Blaues Wunder Lausitz: Ein Ausflug mit lustiger Badekappen-Challenge
- Blaue Kappen, bunte Reden: Wozu der ganze Zirkus beim 5-Seen-Durchstich?
- www.rbb24.de/…/2026/06/lausitzer-seenland-verbund-fuenf-seen
- Unser Orignal-Track bei Komoot:
Lausitzer Seenland – Die 5 nun verbundenen Seen
und bei Mapy.cz:
260702 Die 5 verbundenen Seen im Lausitzer Seenland - Und das komplette Fotoalbum in der Cloud:
260702 Radtour um die 5 verbundenen Seen im Lausitzer Seenland – public
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Track – Im Lausitzrt Seenland im Juni 2023 Und hier eine Alternativ-Route, gemacht im Juni 2023, als Fotoalbum:
230629 eBike-Tour durch das Lausitzer Seenland
